Wandern und Klettern in den Dolomiten im September 2024

Am 01.09.24 brachen 16 abenteuerlustige Bergfreunde auf nach Südtirol, um in die Fußstapfen berühmter lokaler Bergsteigerlegenden wie Reinhold Messner und Hans Kammerlander zu treten, oder einfach um die wunderbaren Landschaften und Berge der Dolomiten zu genießen, welche aufgrund der bizarren und markanten Felsformationen zu den schönsten Bergen der Welt zählen, oder einfach um miteinander Spaß zu haben. Genaues Ziel war der Haflingerhof in Colfosco, einem auf über 1600m im oberen Gadertal gelegenen Dorf, welches von den Berggipfeln der Puez- und der Sellagruppe umgeben ist. Geplant wurde die Tour wieder einmal von unserem Bergtour- und Dolomiten-Experten Reinhold.
Die Anreise erfolgte über den Fernpass oder über Kufstein, weiter über den Brenner durch das Pustertal und das Gadertal. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens erwies sich die Hinfahrt länger als geplant, doch das freudige Wiedersehen sowie die Ausblicke vom Balkon der Ferienwohnung auf die Sella entschädigten für die Anreisestrapazen. Zu sehen waren u.a. der Gipfel des Piz Pisciadu, der zum Ziel einer der kommenden Touren sein sollte. Zum Ausklingen des Abends ging es gemeinsam auf eine leckere Pizza in das Restaurant Weinstadel, das zum Stammlokal der Reisegruppe werden sollte.

Der erste Tag diente der „Akklimatisierung“. Ziel war der 2.665m hohe Sassongher, Hausberg von Colfosco und Südostpfeiler der Puezgruppe. Während sich der Großteil der Gruppe eine Seilbahnfahrt auf das unterhalb des Sassonghers gelegene Hochplateau gönnte, stiegen vier Teilnehmer hochmotiviert über Serpentinen durch den schönen Bergwald hinauf. Nach dem gemeinsamen Aufstieg über teils ausgesetzte Bergpfade meisterte die Gruppe einen kurzen Klettersteig (für Einige der Erste) um schließlich die grandiose Aussicht am Gipfelkreuz des Sassonghers zu genießen. Doch das wirkliche Highlight sollte noch folgen. Plötzlich tauchte am Gipfel Hans Kammerlander auf. Der inzwischen 67-jährige, in Südtirol lebende, Kammerlander ist eine echte Bergsteigerlegende. Neben unzähligen Solo- und Erstbegehungen in den Alpen bestieg er (teilweise zusammen mit Reinhold Messner) zwölf 8000er, hielt lange Zeit den Rekord der schnellsten Everest-Besteigung und war der erste Mensch, der eine Ski-Abfahrt von dessen Gipfel versuchte. Zufrieden nach einem Gipfelfoto und Small-Talk mit Hans Kammerlander und voller Vorfreude auf die nächsten Tage begaben sich die Verfasser dieses Textes zusammen mit dem Rest der Gruppe über den Aufstiegsweg auf den Rückweg zur Ferienwohnung. Am Abend gab es für die meisten Pizza Nr. 2 in unserer Stammpizzeria.

Am zweiten Tag begab sich die Gruppe auf eine schöne und relativ einfache Bergwanderung vom Grödner Joch zur Puez-Hütte. Beim Aufstieg begeisterte wieder einmal der Blick auf die vom Sonnenaufgang angestrahlte Sella. Der weitere Weg führte an kleinen bizarren Felstürmchen vorbei auf eine Hochebene. Unschwer ging es weiter zur Puez-Hütte. Unterwegs trafen wir auf zwei englisch-sprachige Hüttenwanderer auf der Suche nach einer Apotheke. Nach einem Verweis auf Reinhold fragten sich diese bei allen nachfolgenden Wandergruppen durch und sollten schließlich zur Beratung den richtigen Reinhold auffinden. Während der Großteil der Gruppe in der Hütte einkehrte, um sich für die Herausforderungen insbesondere des nächsten Tages zu schonen, brachen drei Teilnehmer auf, um den Gipfel der östlichen Puezspitze zu besteigen. Der Aufstieg erfolgte relativ einfach über im oberen Teil steilen und gerölligen Pfaden. Eine dunkle Wolke, welche anfangs ein wenig Sorgen machte sollte wieder verschwinden, so dass der tolle 360 Grad Blick vom 2.913m hohen Gipfel genossen werden konnte. Aufgrund eines Ruhetages musste am Abend in eine andere Pizzeria ausgewichen werden. Während für einige bereits erste Ermüdungserscheinungen in Sachen Pizza auftraten, folgte für ein paar Mutige Pizza Nr. 3.

Am dritten Tag stand für alle die Königsetappe an. Aufgeteilt wurde in eine sogenannte „Cappuccino-Gruppe“, welche zu einer Langkofel-Umrundung aufbrach und eine „Espressogruppe“, dessen Ziel der Gipfel des Piz Pisciadu mit vorangehenden Klettersteig werden sollte.
Der Pisciadu-Klettersteig führte nach leichtem Einstieg über 500 Höhenmeter an einem Wasserfall vorbei die Felswände des Exnerturms hinauf. Aufgrund seiner Länge und des Schwierigkeitsgrad B/C stellte der Klettersteig eine Herausforderung dar, zudem der Klettersteig nach oben hin durchgängig anspruchsvoller wurde. Ein echtes Highlight war eine Hängebrücke am oberen Ende der Felswand, welche spektakuläre Tiefblicke in die Schlucht lieferte. Nachdem die Brücke fachmännisch auf Herz und Nieren überprüft wurde und den Wackel- und Springtest überstand, vertraute auch der skeptischste Teilnehmer dessen Statik. Weiter ging es zu einer kurzen Pause auf die Pisciadu-Hütte. Vorbei am Pisciadu-See folgte noch in leichter Block-Kraxelei der Aufstieg zum Gipfel des Piz Pisciadu auf 2.985 m Höhe. Belohnt wurde man wieder einmal mit tollen Weitblicken auf die umliegenden Berggipfel und Täler, u.a. auf den Piz Boe. Nach einer diesmal längeren Einkehr bei der Pisciadu-Hütte erfolgte der Abstieg über einen leichten Klettersteig hinab über das Val Setus auf dem vertrauenerweckenden Weg Nr. 666, the Number of the Beast. Eine Teilnehmerin sollte sich dabei als Trailrunnerin herausstellen, und zog den anderen in beeindruckendem Tempo davon.
Am Abend konnte wieder ein Tisch in unserer Stammpizzeria gebucht werden. Auch die Widerstandsfähigsten suchten diesmal nach einer Alternative zur Pizza, was aufgrund der Südtiroler Preise keine einfache Aufgabe war.

Der vierte Tag stand im Zeichen der Erholung. Ziel war der Gipfel des 2.477m hohen Hexensteins ausgehend vom Valparolapass. Interessant war der Auf- und Abstieg insbesondere durch die Querung von Schützengräben und Stollen aus dem ersten Weltkrieg. Mit lediglich ca. 300 hm im Auf- und Abstieg war die heutige Tour verhältnismäßig kurz. Es folgte eine Seilbahnfahrt hinauf zum Heiligkreuz Hospiz (Rifugio La Crusc) mit Mittagessen. Aufgrund des nun im Vergleich zu den Vortagen kälteren und regnerischen Wetters war spätestens hier das tragen kurzer Hosen keine besonders gute Idee. Die Hütte war bereits Bestandteil der Dolomiten-Tour von vor zwei Jahren und blieb u.a. wegen der ausgezeichneten Halbpension in guter Erinnerung. Während ein Teil der Gruppe aufgrund von Regen und Kälte bereits den Heimweg mit der Seilbahn antrat, wanderte der andere Teil der Gruppe Richtung Eishöhle, welche jedoch nie erreicht werden sollte. Spätestens als es zu regnen begann kamen Zweifel auf, ob die besagte Eishöhle bedingt durch den Klimawandel überhaupt noch existiert. Der kurze Ausflug war dennoch ein voller Erfolg, da von unserem Pilzexperten genügend Pilze gesammelt wurden, um am Abend die gesamte Gruppe zu verköstigen.
In Ferienwohnung Nr. 4 begann das Abendprogramm mit Wunschmusik unter verschiedenen Mottos wie z.B. Boybands, nicht deutsch bzw. englisch sprachige Musikstücke und Autobahnmusik. Bei einer Runde Extreme Activity wurden im Anschluss die pantomimischen, zeichnerischen und verbalen Fähigkeiten trainiert. Gefördert wurde auch der Umsatz der einheimischen Forst Brauerei.

Am fünften und letzten Tourentag stand mit dem Piz Boe ein weiteres Highlight an. Mit 3.152 m ist der Piz Boe der höchste Berg und einziger Dreitausender der Sellagruppe. Nach einer etwas längeren Anfahrt über endlose Serpentinen auf die andere Seite der Sella zum Pordoijoch erfolgte der „Aufstieg“ per Seilbahn. Die Bergstation der Seilbahn befand sich auf dem Sass Pordoi auf ca. 2.9500m Höhe. Von dort aus führte die Wanderung bei kälteren und nebligen Verhältnissen den Markierungen entlang unschwer über ein Hochplateau zum Gipfelaufbau des Piz Boe. Auf halben Weg gab der erste Bergschuh – mit bewegter Geschichte und nicht viel jünger als die jüngste Teilnehmerin – aufgrund der Belastungen der vergangenen Tage nach und die Sohle löste sich. Auch ein MacGyver-Einsatz mit Panzerband konnte nur kurzzeitig helfen. Am Fuße des Schlussanstieges zum Piz Boe tauchte zwar nicht erneut Hans Kammerlander, dafür aber die beiden die Apotheke suchenden Jungs vom Dienstag auf und freuten sich über ein Gruppenfoto mit ihrem Retter. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um israelische Bergwanderer handelt. Der Aufstieg erfolgte teils seilversichert in einfacher Kraxelei zum Gipfel und der Berghütte Capanna Piz Fassa. Die Berghütte befand sich direkt neben dem Gipfelkreuz auf 3.152 m Höhe. Sie wurde von dem damaligen Hüttenwirt mit seinen Söhnen in den 1960er Jahren errichtet. Die Versorgung erfolgt teils per Helikopter, zum Teil werden jedoch auch Lebensmittel morgens von der Seilbahnstation abgeholt – dem heutigen Aufstiegsweg.
Nach dem Abstieg zurück zum Sella-Plateau trennte sich die Gruppe. Während der eine Teil den Hinweg zurück Richtung Seilbahn wanderte, brach der andere Teil auf, um die Sella zu durchqueren. Der Weg führte über eine weite, karge, einer Mondlandschaft ähnelnden Hochebene über die Boe-Hütte zur Pisciadu-Hütte. Von dort aus erfolgte der Abstieg wie bei der Tour des dritten Tages. Obwohl blockiert von einer Gruppe nicht ganz trittsicherer Engländer erreichte die „Espressogruppe“ den Zielparkplatz früher als eingeplant. In der Zwischenzeit bis zur Abholung wurden die Leistungen von auf den engen Serpentinen andere Autos überholenden einheimischen Transportern sowie das Grödnerjoch auffahrenden Rennradfahrern mit Laola-Wellen gewürdigt – ganz zur Freude der Rennradfahrer und vor allem der Transporter-Fahrer.
Am Abend konnte wieder ein Tisch in unserer Stammpizzeria gesichert werden. Nach zweitätigem Entzug schmeckte die Pizza wieder sehr gut.

Nach einer wunderschönen Tourenwoche beginnt wieder die Wartezeit und die Vorfreude auf den nächsten Dolomitenurlaub. Zum Abschluss noch die Tourenstatistik:
Distanz: 50,47 km
Höhenmeter Aufstieg: 4.194 m
Höhenmeter Abstieg: 4.961 m

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